Am 19. Oktober 2001 habe ich zum ersten Mal in meinem Leben einen
toten Menschen gesehen. Seit September arbeitete ich bereits im
Krankenhaus, doch als mich an jenem Freitag Nachmittag die Ärztin
der Intensivstation fragte, ob ich helfen könnte, in die Pathologie
zu fahren, war dies mein erster Kontakt dieser Art. Ich tat es
freiwillig, und ich bereue es nicht.
Unter dem Laken konnte man nur die Umrisse einer Person erkennen.
Es hätten genausogut auch Kissen in jenem Bett gelegen haben können.
Der Pfleger bat den älteren Herren im Aufzug, diesen
zu verlassen, wir hätten es eilig. Reine Höflichkeit, man sagt in
einem Krankenhaus halt nicht, dass man in den Leichenkeller fährt.
Sie war nur 61 Jahre alt geworden. Plötzlich umgekippt.
Im Erdgeschoss stieg der Pfleger aus, er müsse sich um den
Schlüssel kümmern. Ich stellte mich in die Aufzugtür.
Weit und breit war niemand zu sehen. Wir waren allein. Ich war allein.
Vorsichtig hob ich das Laken an. Ich sah ihr direkt ins Gesicht. Sie
sah aus wie schlafend, ruhig und kühl, ohne Ausstrahlung. Ihre Haut war
grünlich gelb, fleckig und rauh. Sie sah sehr krank aus.
Ich konnte nicht glauben, dass dies eine Leiche sein sollte. Das
dies nur noch ein lebloses Stück Gewebe war, ein Kadaver.
Und dann.... auf einmal geschah etwas Seltsames mit mir. Ich hatte
das Gefühl, ich müsse ihr zeigen, dass ich bei ihr war. Dass man
sich um sie kümmerte, dass jemand da war, um ihr zu helfen. So wie
ich manchmal älteren Menschen, die Angst haben, die Hand drücke oder so.
Ich deckte sie wieder zu und berührte durch das Laken ihre Stirn.
Ich strich ihr vorsichtig über das Gesicht, als wollte ich sie sanft
wecken. Ich fühlte jedes Detail ihres Gesichtes. Augen, Nase, Wangen.
Sie reagierte nicht. Natürlich nicht.
In diesem Moment sah ich mich erfüllt mit dem Gefühl, dem Schicksal
in die Karten geschaut zu haben. Als hätte ich einen Blick in die
geheime Buchhaltung des Lebens erhaschen können. Nur ganz kurz, aber lang genug, um es
wahrzunehmen. Dann kam der Pfleger zurück.
Im Keller half ich noch mit, die Tote in ein Kühlfach zu befördern.
Als ich die Vinylhandschuhe in den Korb warf und mir die Hände wusch,
spülte ich die Stimmung der Situation mit hinab. Zwar bewegte mich
den Rest meines Dienstes der Anblick ihres Antlitzes und in der
Nacht konnte ich seit langem das erste Mal kaum schlafen, weil ich
immerzu wieder diese zehn Minuten durchlebte, doch liegt sie nun
hinter mir, meine erste wirkliche, fühlbare Konfrontation mit dem Tod.
Vielleicht war er es auch persönlich, der mich in den Sekunden im Aufzug
durchfuhr. Und wenn, dann hat er mir zugezwinkert, um mir zu sagen,
dass ich noch Zeit habe.
Nett von ihm.