zur falschen zeit am falschen ort

Meine zweite Begegnung mit dem Tod ereignete sich am 22. Februar 2005. Mehr als drei Jahre zuvor, bei meiner Arbeit im Krankenhaus, hatte ich ihm ins Antlitz gesehen bei seinem Tagwerk. Dieses Mal aber war ich dabei, als er unerwartet zu seiner Pflicht gerufen wurde. Er kam und tat, was zu tun war, und jeder wusste, dass es vor der rechten Zeit war.

Als es geschah, war ich ganz nah und ahnte nichts. Mit der S-Bahn aus der Berliner Innenstadt kommend, stand ich gerade auf, um auszusteigen. Das ungewandte Bremsmanöver des bisher ruhig lenkenden Zugführers wunderte mich. Der Zug kam sanft zum Stehen, doch sein letzter Wagen ragte noch aus dem Bahnhof heraus. Die Tür, durch die ich aussteigen wollte, führte von der Brücke einer Straßenüberquerung hinab ins Leere. Ich wartete auf ein weiteres Vorrücken, denn sicher musste dies auch der Fahrer bemerkt haben. Statt dessen leuchteten die Türöffner auf. Ich beeilte mich, ein paar Türen weiter in Fahrtrichtung auf den Bahnsteig zu gelangen, bevor der Zug seine Fahrt fortsetzen würde. Von der Bahnsteigkante aus sah ich den Zug entlang in Richtung Brücke. So etwas hatte ich noch nie gesehen. Ich hielt es für einen Fehler, der für blinde oder auch nur unaufmerksame Passagiere äußerst gefährlich wäre. Der Bahnhofsvorsteher, der die Passagiere zum Einsteigen auffordert und den Zugführern das Signal zur Ausfahrt gibt, hatte sein Mikrofon bereits eingeschaltet und sprach über die Lautsprecheranlage ein paar stockende Worte, die mich irritierten.

Ich drehte mich zur anderen Seite um und nahm sie erst gar nicht richtig wahr, denn mehr noch wunderte mich, dass aus allen Türen der vorderen Wagen Leute hinaussahen und an der Spitze der Bahn offenbar mit dem Zugführer sprachen. Was hatte ich verpasst? Worauf richtete sich die Aufmerksamkeit? War der Fahrstrom ausgefallen? War der Zug defekt? Ich ging nach vorne, wo sich eine kleine Gruppe um den Fahrerstand gebildet hatte, um mitzubekommen, was mir entgangen war. Der Fahrer, ein dicklicher Mittvierziger mit lichtem Haar, sprach gerade über das Bordfunkgerät mit der Leitzentrale. Er stünde auf dem Südgleis in Schöneberg mit dem Zug Nummer sowieso, konnte ich hören, was weiter folgte, sprach er mit gesenkter Stimme. Dann stand er auf, klappte ruhig seine Brille ein und nahm einen Schluck aus seiner Wasserflasche. Fahrerwechsel, hier und jetzt? Neugierige Fahrgäste sprachen ihn an, er schien knapp und gedämpft zu antworten. Zwei Jugendliche waren vom gebotenen Spektakel offenbar amüsiert und informierten plötzlich ungefragt die Umstehenden, dass jemand unter dem Zug sei. Kein Witz, grinsten sie. Und verschwanden schnell. Ich gab darauf nichts und ging näher heran. Eine Frau fragte den Fahrer, warum es nun wirklich nicht weiter ginge. Die Antwort ließ mir den Atem stocken. Es könne gar nicht weiter gehen, weil sie doch einen Toten unterm Zug hätten. Ich schluckte. Und verstand auf einmal, was der Bahnhofssprecher gemeint hatte, als er in sein Mikrofon sagte, dass jemand gesprungen sei.

Ich machte erst einige Schritte zurück. Dann ging ich wieder näher heran. Ein paar Leute schauten vorne unter den Zug. Vorsichtig kam ich näher, riskierte kaum einen Blick, sah aber doch nichts. Wo war er? Wer war es? Mann oder Frau, Erwachsener oder Kind? War er wirklich tot? Bekam er vielleicht noch alles mit? Ich schluckte noch mal. Mein Hals wurde trocken. So etwas hatte ich auch noch nie gesehen. Aber ich wollte es sehen. Ich wollte wissen, was passiert, wenn es passiert. Es war eiskalt auf dem Bahnsteig. Man hörte erste Sirenen.

Als es gerade zwei, drei Minuten geschehen war, der Zugführer hatte seinen Fahrerstand verlassen, ordentlich abgeschlossen und war ins Aufsichtshäuschen gegangen, liefen bereits Sicherheitsbeamte der Bahn und ein paar Polizisten im Eilschritt den Zug ab. Der Bahnhofsvorsteher meldete sich und forderte über Lautsprecher alle Passagiere, auch die des mittlerweile eingetroffenen Zuges der Gegenrichtung, zum Aussteigen auf. Wegen eines Personenunfalls fahre nichts mehr, alle aussteigen und auf die anderen Linien, die ein Stockwerk höher kreuzen, ausweichen. Hier fahre jetzt nichts mehr. Er wiederholte die Durchsage. Einige gingen, viele blieben. Sie zündeten sich Zigaretten an und telefonierten mit sie Erwartenden. Aber sie blieben. Auch ich blieb.

War es Schaulust? War es die Neugier auf eine Grenzerfahrung? Ich wusste, dass der Tod hier zu arbeiten hatte, dass er da war und den einen holte, der irgendwo unter den Sitzen war, auf denen wir eben gesessen hatten. Seine Anwesenheit war zu spüren, es fröstelte mich nicht nur meiner kalten Haut wegen. Wie ein dunkler Schatten hing er in der Luft, ohne Bedrohung zwar, denn wir alle wussten, dass es nicht unseretwegen gekommen war, doch er war da und tat seine Pflicht. Die Sicherheitsbeamten eilten am Gleis entlang und riefen sich zu, ob jemand einen Kurzschließer bei sich habe. Jemand sprach mich an, ob jemand vor den Zug gesprungen sei. Ich nickte. Er sei jetzt wohl darunter? Vermutlich, antwortete ich. Warum dann aber nach Norden nichts fahre, es stehe doch eine S-Bahn da? Ich vermutete, dass zur Bergung wohl nun die Stromschiene abgeschaltet werden müsse. Der Mann ging. Ich blieb.

Langsam, in meinen breiten, warmen Schal gehüllt, lief ich den Bahnsteig wieder hinab. Es kamen immer mehr Uniformierte, einer umzäunte die Hälfte des Bahnsteigs mit rot-weißem Absperrband. Leute wurden weggedrängt und gebeten, zu gehen. Trotzdem blieben noch einige. Ich ging an der Treppe vorbei, weiter zugabwärts. In einem kleinen Bäckereihäuschen auf dem Bahnsteig, dessen Theke zum Nordgleis zeigte, stand ein junger Verkäufer mit dem Rücken zum Geschehen. Er stand dort wie angewurzelt und mit ernstem, blassem Gesicht, so dass es so aussah, als wisse er gar nicht, was sich hinter ihm abspielte. Einige Schaulustige kauften warme Käsestangen, den Blick immer auf den Tatort gerichtet. Der Verkäufer schaute stur geradeaus.

Am dritten Wagen waren sie wohl fündig geworden. Zwanzig Polizisten und zehn Feuerwehrmänner hatten dort den Zug betreten und eine bahnsteigabgewandte Tür geöffnet. Aus dem Fenster des neben der Schiene stehenden Wohnhauses schaute eine Frau. Ich wollte nicht sehen, was sie wohl sah. Ich wollte nicht tun müssen, was die Einsatzkräfte jetzt erwartete. Ich fragte mich, warum ich noch da war. Ich zitterte, aber ich blieb. Eine Zeugin wurde befragt. Die Polizisten baten die Leute, zu gehen. Eine ältere Dame in S-Bahn-Uniform wies Menschen zurück, die von der Straße den Bahnhof betraten. Es fahre nichts, es sei etwas passiert. Sie wirkte routiniert und unerschüttert. Die Anzeigetafeln an den Gleisen klappten um. Nicht einsteigen. Der Bahnhofsvorsteher machte seine stockende Durchsage. Er brauchte mehrere Anläufe, bis er das Wort Personenunfall herausbrachte. Ein Polizist begleitete den Zugführer zur Ausgangstreppe. Er war blass und hielt einige Formulare in der zur Faust geballten Hand. Ein Feuerwehrmann hatte einen transparenten Plastiksack in der Hand. Dort, wo die Reste des überrollten Körpers liegen mussten, hielten die Beamten kleine weiße Planen ins Sichtfeld. Es schien loszugehen. Ich wollte es nicht wissen. Es war keine gute Arbeit für den Tod, es war nicht, wie es vorgesehen war, es war zur falschen Zeit am falschen Ort, aber es musste sein.

Ein in Tränen aufgelöstes jugendliches Mädchen war mir bereits aufgefallen. Als ich sie entdeckte, lief sie rastlos ein paar Schritte auf und ab. Hatte sie es sehen müssen? Ich sah hinüber zur anderen Zeugin, die gefasst wirkte. Ein Polizist trat an das fassungslose Mädchen heran und nahm sie an den Schultern. Er schien sich nicht zu trauen, sie zu umarmen. Er wechselte Blicke mit seinen Kollegen und geleitete das Mädchen dann langsam zur Treppe. Während sie an mir vorübergingen, konnte ich in einem unter Tränen hervorsprudelnden Satzfetzen hören, dass er, der Tote, öfter von Selbstmord gesprochen habe, sie aber nie geglaubt hätte, dass er es tun würde. Ich blieb noch ein, zwei Minuten am Treppengeländer stehen und ging dann langsam die Stufen hinab. Ein Polizist hatte mich beobachtet und sah mich an. Ich schaute kurz zurück. Gut, dass Du endlich gehst, schien er sagen zu wollen, manchmal muss man die Leute eben vor sich selbst schützen. Es war genug.

Unten auf der Straße standen sechzehn mit Blaulicht bewehrte Fahrzeuge. Ich machte einen Fußweg durch die schneidende Kälte zur nächsten Bahnstation. Was hatte mich so lange dort gehalten? War ich nun um Erfahrung reicher? Hatte es mich abgehärtet? Die Angst genommen? Oder war es furchteinflößend gewesen? Traurig? Magenverstimmend? Wer weiß. Ich wusste nur, ich hatte es wieder gespürt, das Gefühl von damals, ich hatte gespürt, wie aus dem Gefüge der Welt etwas herausgerissen wird und wie die kleine Wunde zuzuwachsen begann. Und ich ahnte, dass es vielleicht gesünder ist, dem Leben bei der Arbeit zuzuschauen.

Als ich zwei Stunden später mit dem Bus am S-Bahnhof Schöneberg vorbei fuhr, waren die Blaulichter verschwunden. Auf dem Südgleis fuhr gerade ein Zug ein. Ob sie das Blut mit Hochdruckreinigern entfernt hatten? Ob morgen etwas in der Zeitung stehen würde? über S-Bahn-Suizide wird jedoch meist bewusst geschwiegen. Wie oft es passiert, muss niemand wissen. In einer Stadt wie Berlin sicher mehrmals im Monat. Nichts besonderes also. Trotzdem hat es mich berührt und erschüttert. Alltäglich sterben Tausende von Menschen, aber wenn es neben Dir passiert und Dich die Kälte des Augenblicks, in dem ein Leben verlöscht ist, schaudern lässt, wenn Du das Gegenteil vom wärmenden Leben wie einen kühlen Dunst an Dir vorbeiziehen spürst, wenn Du siehst, wie die Welt trotzdem weiterlebt und alles irgendwann vergessen sein wird, wird Dir der Wert des eigenen kleinen Lebens eiskalt in Erinnerung gerufen. Eiskalt und schneidend wie der Tod.