Ich bin Krankenschwester. Ich habe Nachtdienst. Ich mag das, ich bin gerne
alleine auf Station, ganz alleine mit den Alten und Kranken hier. Die
meisten hier sind todkrank. Sie werden nicht mehr nach Hause kommen. Doch
daran denkt noch niemand.
Der Tod erscheint hier pro Woche ein paar Mal, doch an mir kommt er nicht
unbemerkt vorbei. Er macht zuviel Lärm, die Geräte schlagen Alarm,
wenn er ein Zimmer betritt. In manchen Nächten ist es ganz ruhig, und
ich sitze nur vor dem Fernseher oder blättere in den
Frauenzeitschriften meiner Kolleginnen. In den besonderen Nächten
aber geht der Notruf los. Dann gibt es was zu Sehen. Manchmal gibt es auch
was zu tun. Ich gehe recht schnell ins Zimmer, ich will ja nichts
verpassen.
Die Körper bäumen sich auf, wenn sie sterben. Man kann förmlich
sehen, wie der Geist sie verlässt. Oft wird er regelrecht verjagt,
will noch gar nicht gehen. Kaum einer schläft friedlich ein, das ist
nur Wunschdenken. Sterben muss sich entsetzlich anfühlen. Ich glaube,
es ist die letzte, die schwerste Prüfung des Lebens. Die
Abschlussprüfung, die uns vor die Freiheit gesetzt wurde.
Sie müssen wissen, ich verachte die Krankheit. Ich verachte auch das
Alter. Ich verachte alle Schwächen des Körpers. Der Körper
ist ein Gefängnis. Wir werden von niederen Trieben gesteuert und
müssen mit entsetzlichen Qualen dafür büßen.
Ich werde nicht so alt werden wie die Kadaver, die sich hier im eigenen
Dreck wälzen.
Ich werde nicht mit ansehen, wie mein Körper
verfällt, wie die Haut vergilbt, die Zähne verfaulen, die
Haare verfetten, wie die Knochen porös werden, die Muskeln schlaff
und die Gelenke steif. Ich will nicht mitbekommen müssen, wie mein
Hirn sich zersetzt, meine Augen erblinden und meine Zunge erlahmt.
Ich werde nicht so hilflos sein. Ich behalte die Macht über mich und
mein Leben. Ich werde meine Seele rechtzeitig befreien. Ich habe immer
genügend Morphium im Haus.
Denen, die sich nicht mehr selbst befreien können, spreche ich Mut
zu für ihren letzten Gang. Ich sehe die Alten und Kranken gerne
sterben. Ich weiß, dass es ihnen besser gehen wird danach. Wenn der
Notruf losgeht, leiste ich dem Tod etwas Gesellschaft bei seinem Werk.
Ich schalte den Alarm aus und setze mich neben das Bett. Meistens geht
es schnell, manchmal sitze ich noch eine Stunde daneben. Mit letzter
Kraft spannen sich die Muskeln an. Die alten Leiber winden sich in
Krämpfen, viele schreien nach Hilfe, sehen mich flehend an, strecken
die Hand nach mir aus. Ich bleibe ruhig. Sie brauchen jetzt keine Hilfe
mehr, sage ich dann. Die alten, naiven Menschen wissen ja nicht, dass der
Tod ihnen nichts Böses will. Sie haben Angst vor dem Sterben, weil
sie es nicht besser wissen. Man darf es ihnen nicht verübeln.
Ich bleibe die ganze Zeit dabei, bis zum Schluss. Manchmal muss ich
zwischendurch auf die Toilette, wenn es allzu lange dauert. Einmal kam
ich aus dem Bad zurück und hatte das Finale verpasst, das hat mir die
ganze Nacht verdorben.
Wenn es vorüber ist, schalte ich die Maschinen aus. Manchmal tue ich
das schon vorher, wenn ich ungeduldig werde oder es so aussieht, als
würde der Tod die Lust verlieren. Eigentlich müssen die Leichen
drei Stunden im Stationsbad liegen bleiben, eingeschlossen. Das mache
ich nie, ich bringe sie gleich in den Keller. Es soll ja am Morgen nicht
auf der ganzen Station nach Verwesung stinken. Der Frühdienst kommt
um sechs, bis dahin muss ich die Formalitäten erledigt haben.
Später gehe ich in die Morgenmesse. Ich gehe sonst nie in die Kirche.
Aber nach einer erfolgreichen Nacht danke ich gerne für die Macht,
die man mir gab. Die Macht über Leben und Tod, die Macht,
geschundenen Seelen den Frieden zu schenken.
Sicher, es ist meine offizielle Aufgabe, den Menschen das Leben zu
erhalten oder gar zurück zu holen. Aber seien Sie doch mal ehrlich,
wäre das nicht sadistisch? Ich möchte nicht Teil eines
sadistischen Systems sein, dass die Menschen nicht friedlich sterben
lässt. Ich arbeite lieber mit dem Tod zusammen, er ist mir viel
sympathischer als Dialysegeräte, Herz-Lungen-Maschinen und
Überwachungsmonitore. Ich weiß, dass ich mich verstecken muss,
weil mich kaum jemand verstehen würde. Doch ich weiß, dass
ich Gutes tue. Das gibt mir Kraft. Nur wenige haben das Privileg,
Gutes tun zu können. Ich nutze meine Chance. Ich bin ja nicht
umsonst Krankenschwester geworden.